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[Experiment] 10 Tage im Exil – Eine ungewöhnliche Reise im dunklen Bildersaal meiner Seele

[Experiment] 10 Tage im Exil – Eine ungewöhnliche Reise im dunklen Bildersaal meiner Seele

Prolog

Die Morgenluft ist kühl, die Umgebung leer und verlassen aber dennoch erfüllt von dieser anziehenden Energie, die eine erstaunliche Neugier in mir weckt. 

Mein Atem ist ruhig und gleichmäßig, das einzige was ich erkennen kann ist ein dunkles, verschwommenes Bild, welches vor mir schimmert. Für einen kurzen Moment ist alles leer um mich herum, doch schon im nächsten wird diese unbeschreibliche Leere schlagartig von einem Ansturm schwer erkennbarer Substanzen gefüllt. Die Gewalt dieser Erscheinungen hindert mich daran, zu erkennen ob es sich um Menschen, Gegenstände, Pläne, Erinnerungen, Sorgen, Schmerzen oder gar Ängste handelt. All diese Dinge zeigen sich in einer unbekannten Form und ziehen mit einer außergewöhnlichen Geschwindigkeit an mir vorbei. Diese Bilder verwirren und verwundern mich zugleich, denn ich habe sie vorher noch nie in dieser Intensität gesehen. Es fühlt sich an wie ein Sturm, der abwechselnd nachlässt und wieder entfacht.

Ich komme mir vor wie der einsamer Zuschauer eines Theaterstücks. In diesem Theater ist nichts weiter zu finden außer der ungewöhnlichen Bühne, die sich in dreieckiger Form zwischen meiner Nasenspitze und den beiden Mundwinkeln erstreckt. Merkwürdigerweise gibt es nur einen einzigen Sitzplatz, welcher von mir besetzt wird. Dem Handlungsstrang des Theaterstücks ist schwer zu folgen. Einige Teile erscheinen mir vertraut, andere wiederum zeigen sich in einer mir völlig unbekannten Form. Der Hauptdarsteller ist ein junger Mann, dessen Identität nicht eindeutig zu erkennen ist. Er ist ein stummer, schüchterner und ängstlicher junger Mann, der sich sich kaum regen kann. Ständig wird er von seinen Lasten gebremst, welche er über die letzen Jahrzehnten angesammelt hat. Weitere Bilder kommen und gehen. Ich kann ihre Zusammenhänge nur geringfügig verstehen, und außerdem werde ich von einem Schmerz in meinem rechten Knie abgelenkt. Immer wieder versuche ich eine bequemere Sitzposition zu finden aber sobald ich bloß die kleinste Bewegung mache, sind alle Bilder weg. 

Die Zeit hier fühlt sich unendlich an und mit jedem weiteren Tag wird mir bewusst, dass es sich immer um dieselbe Vorstellung handelt, nur mit dem Unterschied, dass die Bilder jedes Mal klarer werden. Jeder Tag fängt an, noch bevor sich die Sonne am Himmel zeigt. Um 4:30Uhr beginnt die erste Vorstellung und abgesehen von einigen Unterbrechungen um zu essen, kann ich nichts weiter tun, als mir Stunde für Stunde dieselbe Vorstellung wieder anzusehen. Eine der wichtigsten Regeln während der Theateraufführung ist, mich nicht zu bewegen. Jedes Zucken kann die Abfolge durcheinander bringen und somit mich selbst, weil alles wieder von vorn anfängt. 

Die Tage im dunklen Theater vergehen fast nicht aber dennoch ist eine Entwicklung zu sehen. Am Schluß werden die Bilder sogar so klar, dass ich schließlich die Identität des Hauptdarstellers erkennen kann. Mein Atem bleibt beinahe stehen, denn in diesem Augenblick erfolgt ein Wendepunkt in mir. Ich sehe nichts weiter als eine unendliche Leere. Der ganze Ansturm von Bildern ist vorbei und mein Zustand gleicht dem der makellos glatten Wasseroberfläche eines Sees, dessen Gewässer nach einer tobenden Sturmböe wieder zum Stillstand gekommen ist. Ich verweile für eine unbestimmte Dauer in diesem friedlichen Zustand, bis ich die Augen aufmache und zum ersten Mal meine Umgebung vollständig erkennen kann. 

Um mich herum sitzen mehrere Personen indischer Herkunft mit gekreuzten Beinen auf viereckigen Kissen. Die Formation der Sitzkissen ist akkurat und besonders wichtig ist die Trennung der Sitzblöcke. Es scheint als ob alle Anwesenden Zuschauer einer ganz ungewöhnlichen Vorstellung wären, eines individuellen Stücks mit Bildern, die nur sie selbst sehen konnten. Meine Augen sind dieses Mal weit geöffnet und mein Geist hat zum ersten Mal Frieden gefunden. Die Zeit war mittlerweile irrelevant geworden aber die Vorstellung ging weiter. Dieses Mal jedoch mit einer geringeren Intensität an heranstürmenden Bildern aber dafür mit längeren friedlichen Momenten. 

Die Vorstellung ist nach dem zehnten Tag noch nicht vorbei. Überraschenderweise ist es keine enttäuschende Nachricht, denn ich habe gelernt sie immer wieder selbst aufzurufen und zum Stillstand zu bringen. Mir wurde schließlich klar, dass nicht die Vorstellung selbst das Interessante ist, sondern der Moment der unendlichen Leere in mir selbst – der Moment des Stillstands, an dem unser Geist inmitten einer turbulenten Gesellschaft Frieden findet.

—–<>—–

Auf all meinen Reisen habe ich vieles gesehen und gelernt, doch mit jeder weiteren habe ich das Gefühl meinen Horizont noch zu erweitern. Ich habe von den ärmsten und den wohlhabendsten Menschen gelernt und dennoch hatte ich immer das Gefühl, dass in meinem 360 Grad Blickwinkel eine unbekannte Lücke war, von deren Existenz ich zwar wusste aber trotz all den gewonnenen Erfahrungen nur einen beschränkten Zugang hatte.

All die vorherigen Erlebnisse haben mir gezeigt, wie die Außenwelt funktioniert aber nicht, wie meine innere Welt damit umgeht. Meine Suche begann in Indien…

Die beschriebene Reise in den dunklen Bildersaal meiner Seele ist ein persönlicher Erfahrungsbericht von meinem 10-tägigen Vipassana Meditationskurs in Sravasti, Indien.

Während diesen 10 Tagen ist jegliche Ablenkung untersagt. Damit gemeint sind reden, lesen, schreiben und physischer Kontakt mit den anderen Teilnehmern. All dies dient dazu, einen ruhigen Geist zu bekommen und sich somit auf die Meditation zu konzentrieren.

Ich habe selten etwas so außergewöhnliches erlebt. 10 Tage ohne die primären Gewohnheiten hört sich fast nicht normal an. Bei diesem Kurs geht aber darum, sich in eine komplett neue Situation zu begeben um sich von allen täglichen Einflüssen zu lösen. Dazu bekommt der Teilnehmer Zeit und Raum, um sich erneut mit seiner eigenen Lebensgeschichte zu konfrontieren. Erfahrungen, die tief verborgen lagen, werden somit wieder aufgerufen und bewältigt. Als Resultat verarbeitet der Teilnehmer das, was er über die letzten Jahre verdrängt hat.

Bei diesem Vorgang bekommt man zum ersten Mal einen direkten Zugang zu der “unbekannten Lücke” von der ich in den ersten Absätzen sprach – es ist der Zugang zu sich selbst und seiner Wahrnehmung der Welt. Der Weg dahin bedarf viel Zeit zum Nachdenken, doch genau diese können wir uns im täglichen Leben nicht in der nötigen Intensität nehmen. Zu leicht werden wir von äußeren Einflüssen abgelenkt die uns daran hindern in Ruhe zu uns selbst zu gelangen.

Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, dieses Experiment zu wagen, und mich für 10 Tage in einem indischen Meditationszentrum einzuquartieren. Nirgendwo sonst bekommt man soviel Zeit auf einmal zum Nachdenken und Reflektieren. Und nirgendwo sonst lernt man, wie wichtig diese Zeit für uns ist.

Wann hast du dir das letzte Mal so richtig Zeit genommen, um über dein Leben nachzudenken, ohne dich dabei durch äußere Einflüsse ablenken zu lassen?

Neugierig geworden? Vipassana Kurse kann man über all auf der ganzen Welt machen. Weitere Infos unter: dhamma.org

 

Edited by Amanda Pescadora

[Experiment] 10 Tage im Exil – Eine ungewöhnliche Reise im dunklen Bildersaal meiner Seele

[Experiment] 10 Tage im Exil – Eine ungewöhnliche Reise im dunklen Bildersaal meiner Seele

Prolog

Die Morgenluft ist kühl, die Umgebung leer und verlassen aber dennoch erfüllt von dieser anziehenden Energie, die eine erstaunliche Neugier in mir weckt. 

Mein Atem ist ruhig und gleichmäßig, das einzige was ich erkennen kann ist ein dunkles, verschwommenes Bild, welches vor mir schimmert. Für einen kurzen Moment ist alles leer um mich herum, doch schon im nächsten wird diese unbeschreibliche Leere schlagartig von einem Ansturm schwer erkennbarer Substanzen gefüllt. Die Gewalt dieser Erscheinungen hindert mich daran, zu erkennen ob es sich um Menschen, Gegenstände, Pläne, Erinnerungen, Sorgen, Schmerzen oder gar Ängste handelt. All diese Dinge zeigen sich in einer unbekannten Form und ziehen mit einer außergewöhnlichen Geschwindigkeit an mir vorbei. Diese Bilder verwirren und verwundern mich zugleich, denn ich habe sie vorher noch nie in dieser Intensität gesehen. Es fühlt sich an wie ein Sturm, der abwechselnd nachlässt und wieder entfacht.

Ich komme mir vor wie der einsamer Zuschauer eines Theaterstücks. In diesem Theater ist nichts weiter zu finden außer der ungewöhnlichen Bühne, die sich in dreieckiger Form zwischen meiner Nasenspitze und den beiden Mundwinkeln erstreckt. Merkwürdigerweise gibt es nur einen einzigen Sitzplatz, welcher von mir besetzt wird. Dem Handlungsstrang des Theaterstücks ist schwer zu folgen. Einige Teile erscheinen mir vertraut, andere wiederum zeigen sich in einer mir völlig unbekannten Form. Der Hauptdarsteller ist ein junger Mann, dessen Identität nicht eindeutig zu erkennen ist. Er ist ein stummer, schüchterner und ängstlicher junger Mann, der sich sich kaum regen kann. Ständig wird er von seinen Lasten gebremst, welche er über die letzen Jahrzehnten angesammelt hat. Weitere Bilder kommen und gehen. Ich kann ihre Zusammenhänge nur geringfügig verstehen, und außerdem werde ich von einem Schmerz in meinem rechten Knie abgelenkt. Immer wieder versuche ich eine bequemere Sitzposition zu finden aber sobald ich bloß die kleinste Bewegung mache, sind alle Bilder weg. 

Die Zeit hier fühlt sich unendlich an und mit jedem weiteren Tag wird mir bewusst, dass es sich immer um dieselbe Vorstellung handelt, nur mit dem Unterschied, dass die Bilder jedes Mal klarer werden. Jeder Tag fängt an, noch bevor sich die Sonne am Himmel zeigt. Um 4:30Uhr beginnt die erste Vorstellung und abgesehen von einigen Unterbrechungen um zu essen, kann ich nichts weiter tun, als mir Stunde für Stunde dieselbe Vorstellung wieder anzusehen. Eine der wichtigsten Regeln während der Theateraufführung ist, mich nicht zu bewegen. Jedes Zucken kann die Abfolge durcheinander bringen und somit mich selbst, weil alles wieder von vorn anfängt. 

Die Tage im dunklen Theater vergehen fast nicht aber dennoch ist eine Entwicklung zu sehen. Am Schluß werden die Bilder sogar so klar, dass ich schließlich die Identität des Hauptdarstellers erkennen kann. Mein Atem bleibt beinahe stehen, denn in diesem Augenblick erfolgt ein Wendepunkt in mir. Ich sehe nichts weiter als eine unendliche Leere. Der ganze Ansturm von Bildern ist vorbei und mein Zustand gleicht dem der makellos glatten Wasseroberfläche eines Sees, dessen Gewässer nach einer tobenden Sturmböe wieder zum Stillstand gekommen ist. Ich verweile für eine unbestimmte Dauer in diesem friedlichen Zustand, bis ich die Augen aufmache und zum ersten Mal meine Umgebung vollständig erkennen kann. 

Um mich herum sitzen mehrere Personen indischer Herkunft mit gekreuzten Beinen auf viereckigen Kissen. Die Formation der Sitzkissen ist akkurat und besonders wichtig ist die Trennung der Sitzblöcke. Es scheint als ob alle Anwesenden Zuschauer einer ganz ungewöhnlichen Vorstellung wären, eines individuellen Stücks mit Bildern, die nur sie selbst sehen konnten. Meine Augen sind dieses Mal weit geöffnet und mein Geist hat zum ersten Mal Frieden gefunden. Die Zeit war mittlerweile irrelevant geworden aber die Vorstellung ging weiter. Dieses Mal jedoch mit einer geringeren Intensität an heranstürmenden Bildern aber dafür mit längeren friedlichen Momenten. 

Die Vorstellung ist nach dem zehnten Tag noch nicht vorbei. Überraschenderweise ist es keine enttäuschende Nachricht, denn ich habe gelernt sie immer wieder selbst aufzurufen und zum Stillstand zu bringen. Mir wurde schließlich klar, dass nicht die Vorstellung selbst das Interessante ist, sondern der Moment der unendlichen Leere in mir selbst – der Moment des Stillstands, an dem unser Geist inmitten einer turbulenten Gesellschaft Frieden findet.

—–<>—–

Auf all meinen Reisen habe ich vieles gesehen und gelernt, doch mit jeder weiteren habe ich das Gefühl meinen Horizont noch zu erweitern. Ich habe von den ärmsten und den wohlhabendsten Menschen gelernt und dennoch hatte ich immer das Gefühl, dass in meinem 360 Grad Blickwinkel eine unbekannte Lücke war, von deren Existenz ich zwar wusste aber trotz all den gewonnenen Erfahrungen nur einen beschränkten Zugang hatte.

All die vorherigen Erlebnisse haben mir gezeigt, wie die Außenwelt funktioniert aber nicht, wie meine innere Welt damit umgeht. Meine Suche begann in Indien…

Die beschriebene Reise in den dunklen Bildersaal meiner Seele ist ein persönlicher Erfahrungsbericht von meinem 10-tägigen Vipassana Meditationskurs in Sravasti, Indien.

Während diesen 10 Tagen ist jegliche Ablenkung untersagt. Damit gemeint sind reden, lesen, schreiben und physischer Kontakt mit den anderen Teilnehmern. All dies dient dazu, einen ruhigen Geist zu bekommen und sich somit auf die Meditation zu konzentrieren.

Ich habe selten etwas so außergewöhnliches erlebt. 10 Tage ohne die primären Gewohnheiten hört sich fast nicht normal an. Bei diesem Kurs geht aber darum, sich in eine komplett neue Situation zu begeben um sich von allen täglichen Einflüssen zu lösen. Dazu bekommt der Teilnehmer Zeit und Raum, um sich erneut mit seiner eigenen Lebensgeschichte zu konfrontieren. Erfahrungen, die tief verborgen lagen, werden somit wieder aufgerufen und bewältigt. Als Resultat verarbeitet der Teilnehmer das, was er über die letzten Jahre verdrängt hat.

Bei diesem Vorgang bekommt man zum ersten Mal einen direkten Zugang zu der “unbekannten Lücke” von der ich in den ersten Absätzen sprach – es ist der Zugang zu sich selbst und seiner Wahrnehmung der Welt. Der Weg dahin bedarf viel Zeit zum Nachdenken, doch genau diese können wir uns im täglichen Leben nicht in der nötigen Intensität nehmen. Zu leicht werden wir von äußeren Einflüssen abgelenkt die uns daran hindern in Ruhe zu uns selbst zu gelangen.

Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, dieses Experiment zu wagen, und mich für 10 Tage in einem indischen Meditationszentrum einzuquartieren. Nirgendwo sonst bekommt man soviel Zeit auf einmal zum Nachdenken und Reflektieren. Und nirgendwo sonst lernt man, wie wichtig diese Zeit für uns ist.

Wann hast du dir das letzte Mal so richtig Zeit genommen, um über dein Leben nachzudenken, ohne dich dabei durch äußere Einflüsse ablenken zu lassen?

Neugierig geworden? Vipassana Kurse kann man über all auf der ganzen Welt machen. Weitere Infos unter: dhamma.org

 

Edited by Amanda Pescadora

4 Comments

Dietmar

3 April , 2015 at 8:53 pm

Sehr schoen geschrieben! "Mut zur Luecke"! Weiter so Luis! Liebe Gruesse, Dietmar

_luis

6 April , 2015 at 4:21 am

Danke Dietmar!

Weltenstürmer Mad

16 Mai , 2015 at 11:36 am

Hallo Luis, schön, dass du es durchgezogen hast, ganz ganz ganz viel Respekt dazu! Sehr interessant mitzuverfolgen, wie es dir ergangen ist. Habe selbst Bock darauf das jetzt durchzuziehen! Noch ganz viele Momente der Leere und des Friedens, Weltenstürmer Mad

_luis

22 Juni , 2015 at 7:16 am

Hi Mad, sorry für die späte Antwort aber ich bin gerade viel unterwegs. Wenn du die Gelegenheit hast solch einen Kurs zu machen, solltest du es unbedingt nutzen. Es ist eine einmalige Erfahrung! Viel Erfolg noch beim Schreiben! _luis

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